Handwerker, Baustoffe und künftige Bewohner unter der Lupe
Die Hochschule Coburg begleitet mit drei wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern das Forschungs- und Bauprojekt Kleiner Wohnen in Redwitz. Beim FADZ-Expertentalk erzählt Gisela Raab, was das Projekt bundesweit einmalig macht.

Die Bäume zwischen Siemens-Siedlung und Schwimmbad wachsen schon seit 70 Jahren. Der Kran zwischen ihnen ruht. Mehr als die Hälfte der genossenschaftlichen Wohnungen in Redwitz sind bereits im Rohbau fertig. Mittendrin stehen Gisela Raab und Birgit Patheymüller, die beiden Vorständinnen des Projekts „Kleiner Wohnen“, umringt von Gästen des Expertentalks des FADZ-Wirtschaftsverbandes.
So klein sind die 26 Wohnungen gar nicht, sie messen zwischen 58 und 90 Quadratmetern. Und das Projekt ist schon gar nicht klein. „Wir müssen bis Ende 2027 fertig sein“, sagt Gisela Raab. Das liegt daran, dass sie sich mit „Kleiner Wohnen“ Großes vorgenommen und dafür auch Förderungen bekommen hat. „Schon als Studentin wollte ich irgendwann mal genossenschaftlich bauen“, sagt sie. Was vor 100 Jahren besonders in den Großstädten begann, ist auch heute in Berlin oder München gefragt. Auf einen Genossenschaftsanteil kommen da schnell 100 oder mehr Bewerber. Funktioniert das auch auf dem Land? Gisela Raab probiert es aus.
Alte Bäume bleiben stehen
Wenn Raab zuhause in ihrem Wintergarten sitzt, braucht sie inzwischen keine Verschattung mehr: „Da steht inzwischen eine große Buche, die das Klima um unser Haus herum massiv beeinflusst – Bäume kühlen, spenden Schatten. Es ist sofort zum Wohlfühlen.“ Das möchte sie natürlich auch für alle Bewohner in Redwitz. Also hat ihr Team nach Möglichkeiten gesucht, möglichst viele Bäume stehen zu lassen: „Hier war früher mal der Teich des Schlossherrn. Dann wuchs fast 100 Jahre lang ein Urwald. Der Untergrund ist also weich, wir müssen tief gründen – und die Bäume sind schon ziemlich groß, die wollten wir erhalten.“ Die Lösung sind Erdschrauben, die bis zu dreieinhalb Meter tief in die Erde gedreht werden. „Mit einem großen Drehmomentschlüssel prüfen wir, ob sie auch fest genug sitzen, dann legen wir die Bodenplatte drauf“, erzählt Raab vor Ort.
Holzbausteine können einfach hergestellt werden

Die Bodenplatte ist wie die Geschossdecken und das Dach aus Holz. Für die Wände hat Raab das nächste große Projekt vor. „Wir verwenden in den drei Clustern von Häusern unterschiedliche Materialien, um sie dann auch vergleichen zu können.“ Einige Häuser sind aus Triqbriqs – das sind Holzklötze in der Größe von Porotonziegeln mit Nasen wie Legosteine. „Sie werden aus Käferholz hergestellt, indem sie mit Buchenstäben zusammengesteckt werden“, erklärt Raab. Das kann zum Beispiel Holz aus dem Frankenwald sein, wo der Borkenkäfer besonders viele Flächen befallen hat. Die Herstellung der Holzklötze ist relativ einfach, braucht wenig Platz und ist automatisierbar. Für Andreas Poth, den Vorsitzenden des FADZ-Wirtschaftsverbandes, ist das ein Beispiel zur Innovation und Digitalisierung am Bau, „wie jede Branche davon betroffen ist“.
Welcher Baustoff funktioniert wie?
Das nächste Cluster ist aus Lehmsteinen. „Sie brauchen in der Herstellung wenig Energie, weil sie nicht gebrannt werden müssen – für das Raumklima sind sie fantastisch“, sagt Raab. Das dritte Cluster wird schließlich aus Hanfkalksteinen gebaut. Welcher Baustoff funktioniert jetzt wie? Wie gut ist er zu verarbeiten? Welche Erfahrungen sammeln die Bewohnerinnen und Bewohner?
Dafür ist das Projekt weiter gewachsen: „In nur drei Wochen haben wir zusammen mit den Professoren der Hochschule Coburg einen Forschungsantrag geschrieben. Wir wollen all diese Erfahrungen messen und festhalten, damit auch andere davon profitieren können“, erzählt Raab. So gibt es eigens für das Projekt drei wissenschaftliche Mitarbeiter, je einen für die Baustoffe, die Energietechnik und für die Genossenschaftsgründung. „Hier werden auch die Handwerker gefragt, wie die Baustoffe sich verarbeiten lassen. Fördergelder und Forschungsaufträge hängen auch daran, dass zum ersten Mal die Leute gefragt werden, die wirklich damit arbeiten – und nicht nur Büros oder Planer“, so Raab.
Regenwasser bleibt auf dem Gelände
Ein weiteres Thema für die Bauherrin ist das Regenwasser. „Die Siedlung funktioniert wie eine Schwammstadt – alles Wasser bleibt hier auf dem Gelände“, erklärt Raab. Es wird Wege für Feuerwehr und Umzugswagen geben, aber die Autos der Bewohner bleiben draußen: „Wir verzichten auf verdichtete Flächen – unter den Häusern mit den Erdschrauben und im übrigen Gelände ohne versiegelte Wege.“
Raabs Erfahrungen in anderen Projekten zeigen, dass die Bewohner zu sehr unterschiedlichen Zeiten Strom und Energie brauchen. „In einer gemeinschaftlichen Anlage gleicht sich das aus“, sagt sie. So sind die Vorständinnen und Wissenschaftler gespannt, wie die Verteilung von Strom und Wärme in der Praxis funktioniert. Alle Dächer liefern Strom, es gibt einen gemeinsamen Speicher.
Zehn Millionen Euro Investition

Auch beim genossenschaftlichen Bauen sind Baukosten und Zinsen entscheidende Faktoren. Wie das alles in Zahlen und ein praktikables Konzept gebracht werden kann, erklärt beim Expertentalk Birgit Partheymüller. Auch andere Bauhandwerker sind genau deshalb nach Redwitz gekommen. Sie wollen wissen, wie nachhaltiges und genossenschaftliches Bauen funktioniert – und ob sie es für sich adaptieren können. In der Summe investiert die Genossenschaft rund zehn Millionen Euro in Redwitz. Weil die Baustoffe aus Hanf, Kalk, Lehm oder Holz teurer als die konventionellen sind, bekommt die Genossenschaft einen Zuschuss der Bundesstiftung Bauakademie Berlin. Die verbleibenden acht Millionen müssen sie selbst finanzieren. „Jeder Genosse erwirbt für sein Wohnrecht einen Genossenschaftsanteil in Höhe von 2000 Euro pro Quadratmeter der Wohnung, die er später nutzen wird“, erklärt Partheymüller. So ist knapp die Hälfte der Kosten gedeckt. Den Rest finanziert die Genossenschaft über einen Kredit. „Er wird dann mit dem Nutzungsentgelt von monatlich neun bis zehn Euro pro Quadratmeter für Zins und Tilgung abbezahlt“, so die Vorständin Partheymüller. Auch alle übrigen Allgemeinkosten werden von diesem Nutzungsentgelt beglichen. So zum Beispiel der Gemeinschaftsraum mit angegliederter Werkstatt, die Parkplätze, der Fahrradschuppen oder die Rücklagen für Instandhaltung, Mietausfall und vieles mehr, was zu einer gewissenhaften Bewirtschaftung gehört.
Niemand kann kündigen

Das hört sich an wie eine Miete. „Der Vorteil ist, dass das Wohnrecht bei den Bewohnern bleibt und Mietspekulationen ausgeschlossen sind. Niemand kann kündigen. Das Nutzungsentgelt legen die Genossinnen und Genossen selbst gemeinsam fest“, sagt Partheymüller. Einen Genossenschaftsanteil zu kaufen um die Wohnung zu vermieten klappt übrigens nicht. „Jede und jeder muss selbst drin wohnen“, erklärt Raab. Dafür bekommen die Anteilseigner einen Zuschuss von 15 Prozent zu ihrem Eigenanteil über einen KfW Kredit.
„Das ist experimentelles Bauen“, sagt Raab in einem Rohbau, hinter ihr eine Lehmwand, neben ihr eine Wand aus Holz-Legos. Den Praxistest gehen jetzt 26 Genossinnen und Genossen an. Die ersten haben ihre verbindlichen Zusagen abgegeben. Für FADZ-Vorstand Poth ist „Kleiner Wohnen“ ein Paradebeispiel. „Das ist forschen, anwenden, digital messen und zusammen wachsen – ein echtes Zukunftsprojekt. Es hat all das, wofür das Forschungs- und Anwendungszentrum für digitale Zukunftstechnologien, kurz unser FADZ, auch steht.“
Fotos: Tim Birkner








