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„Geld ist einer der unglücklichsten Antriebe“

vor 1 Stunde
4 Min. Lesezeit

FADZ-Expertentalk im Archiv der Zukunft über Antrieb und Verantwortung von Unternehmern


Unternehmen mit besonderen Produkten, die an neuen Technologien tüfteln oder mit außergewöhnlichem Know-how arbeiten, finden Lösungen für die Herausforderungen von morgen. Genau diese Unternehmen können das „Archiv der Zukunft“ auf dem Lichtenfelser Marktplatz für einen Monat lang kostenlos nutzen. Die Brüder Matthias und Johannes Gehringer aus Klosterlangheim sind die Ersten. „Hidden Champions“ ist keine Verkaufsveranstaltung. Im Mittelpunkt stehen Wissen, Austausch, Inspiration und die Frage, wie wir unsere Zukunft gemeinsam gestalten können. Eine der vielen Veranstaltungen der Gehringers ist der FADZ-Expertentalk „Was bleibt, wenn nichts mehr muss“.

Hier reden Christian John, Jan Beier und Johannes Gehringer mit Kilian Sörgel, der ein Buch zu dem Thema geschrieben hat. „Unternehmer treffen Entscheidungen, die Zukunft generieren. Da geht es um Arbeitsplätze, um Wertschöpfung und auch um Werte“, sagt Initiator Johannes Gehringer. „Wir stellen die Antiquitäten der Zukunft her – da ist das Archiv der Zukunft der ideale Ort“, so Gehringer. Er treffe für sein Unternehmen keine Entscheidungen, die sich an Quartalen orientieren. „Mir geht es um Fähigkeiten, Werte und Entwicklungen, die über Generationen aufgebaut und weitergegeben werden.“


"Familienbetriebe denken über Jahrzehnte"

Wichtig ist dem Vorsitzenden des FADZ-Wirtschaftsverbandes, Andreas Poth, die Sicht der kleinen und mittelständigen Unternehmen: „Diese Familienbetriebe denken über Jahrzehnte. Das ist wirklich nachhaltig.“ So ist Jan Beier die zweite Generation, Christian John die vierte Generation und Johannes Gehringer die zwölfte Generation ihres jeweiligen Familienbetriebs.

„Geld ist einer der unglücklichsten Antriebe, Unternehmer zu sein“, sagt Gehringer. Ihm geht es um die unternehmerische Freiheit, selbst entscheiden zu können, mit welchen Menschen ich zusammenarbeite und mit welchen eben nicht. Davon, dass er nichts mehr muss, ist er hingegen weit entfernt. „Mir geht es eher um die Frage, was muss ich tun, damit etwas bleibt?“

Für Moderator Sörgel ist „Nachfolge das neue Gründen“. 30 verschiedene Gesprächspartner hat er dazu in seinem Buch zu Wort kommen lassen. Jan Beier, Geschäftsführer von Bullfrog aus Michelau, sieht es praktisch: „Wenn ein Bäcker zumacht, bei dem die Leute Schlange gestanden sind, nimmt er seine Rezepte mit. Die Laabla verschwinden für immer. Das darf doch nicht sein. Da sind wir alle gefragt, solche Situationen vorab zu erkennen und im Rahmen unserer Möglichkeiten zu helfen.“ Er nennt die Wirtschaft, die Politik, die Kunden und auch sich selbst. „Jeder sollte sich überlegen, was er tun kann bevor etwas gern Gewonnenes für immer verschwindet, anstatt im Nachgang darüber zu jammern und zu schimpfen, das schon wieder einer zu gemacht hat.“

"Es gibt immer Dinge und Aspekte, die positiv sind."

Johannes Gehringer setzt da weit vorne an: „Wenn ich nach Hause zu meinen drei Kindern komme, überlege ich mir was ich erzähle. Egal wie stressig der Tag war, es gibt immer Dinge und Aspekte, die positiv sind. Sachen, für die ich gerne aufstehe und die ich auch weitererzählen sollte.“ Sonst stellten sich die Kinder irgendwann die Frage, warum sie eine Firma übernehmen sollen, bei der doch immer alles nur mühsam, schwer und anstrengend war. „Warum erzählen die Leute ihren Kindern nicht, dass sie den Termin in Mailand extra auf einen Donnerstag gelegt haben, damit sie dort noch ein schönes Wochenende verbringen können? Was ist dabei?“

Im FADZ-Expertentalk geht es nicht um Märkte, es geht um Werte und um Haltung. „Was muss ich erreicht haben, damit später jemand sagt, das will ich übernehmen?“, fragt Beier. Geht es um die Produkte? Um das Knowhow der Mitarbeiter? In jedem Fall geht es um Menschen. Bei Gehringers „geht ohne Team und ohne die Familie gar nichts“, wie Johannes Gehringer erzählt. Die Neugier auf neue Methoden und Technologien, das Klima in der Firma haben einen Wandel gebracht: „Bei uns kommen die Bewerbungen von Mitarbeitern oder Auszubildenden inzwischen aus ganz Deutschland“, sagt Gehringer. Sie haben Ideen und Visionen, möchten in Zukunft vielleicht mal ein Fahrrad ganz aus Holz bauen. „Wir suchen die Leute nicht mit einem Steckbrief“, sagt Jan Beier. „Wer passt zu uns menschlich? Das ist das Entscheidende. Wenn das Menschliche passt und die Loyalität stimmt, gibt es auch für alles andere einen Weg. Du kannst auch abseits deiner Ausbildung oder deines Studiums vieles lernen.“

Übergabe an den Neffen in Vorbereitung

John hat erlebt, wie sein Opa und sein Vater von null einen Betrieb aufgebaut haben, den er heute führen darf. „Ich bereite jetzt die Übergabe an meinen Neffen vor“, sagt er. Dafür möchte er den Betrieb gut organisieren – und natürlich hätte er am liebsten, dass sich seine eigenen Fehler nicht wiederholen. Dem widerspricht Gehringer: „Jeder muss seine Fehler selber machen.“ Er erinnert sich noch gut, wie er mit 21 Jahren den Betrieb übernahm – und sich erst einmal Schuhe, Hemd und Mantel gekauft hat, um ordentlich zur Bank zu gehen. „Ich war immer gut vorbereitet. Irgendwann hat mein Banker zu mir gesagt: Komm doch nicht wie ein Clown, lass das mit der Verkleidung. Das habe ich mir zu Herzen genommen.“

Alle drei Unternehmer waren und sind im Dialog mit ihren Vätern. Sie schätzen die Erfahrung, manchmal kracht es auch. Zum Beispiel, wenn Gehringer eine neue, partnerschaftliche Kultur im Unternehmen einführt. „Dann bin ich auf die Meisterschule. Nach eineinhalb Jahren war wieder alles wie früher, weil es mein Vater zurück gedreht hatte.“ Heute kann er darüber lachen, damals war das anders. Heute fragt er ihn: „Können wir unsere Möbel wirklich in Mailand mit einem historischen Leichenwagen zur Messe fahren – oder gehen wir da zu weit?“ Dann wird debattiert. Haben wir uns verrannt oder nicht?

"Jeder sollte mal nachdenken"

Beier fordert das von allen, nicht nur von den Unternehmern: „So oft es geht, sollte jeder mal nachdenken, über sich selbst und über die anderen – und dann weitermachen.“ John hat das oft gemacht: „Alle reden vom Loslassen. Ich glaube, wenn Jung und Alt es richtig anstellen, können sie sehr erfolgreich sein. Dann ist das mit dem Loslassen gar nicht mehr so wichtig.“

Für den Vorsitzenden Andreas Poth steht fest: „Wie wir zusammen wachsen können, entscheidet, wie wir die Zukunft gestalten. Dabei wachsen wir zusammen, indem wir näher aneinander rücken, und wir wachsen gemeinsam. Das gilt auch innerhalb der Firmen über die Generationen hinweg.“

Fotos: Tim Birkner
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